KLEINE RISSE

 

 

 

Die Waldfee begann zu altern.

Ihre ewige Jugend wurde verkauft.

 

Schlammbedeckt buhlte die Nixe

um die Liebe des Delfins.

Er aber blickte im Wahnsinn

auf die eiskalte Sonne,

die giftige Tränen weinte.

 

Ich setzte mich auf den Wal

und folgte den falschen Tönen

hinein in erlösende Leere.

 

 

………………………

 

 

Kleine Risse in der Natur

werden übersehen.

 

Über Gräben springen wir

und jauchzen

dem letzten Vogel entgegen,

der getroffen

zu Boden stürzt.

 

 

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„Komm, lehne dich an mich,

schmiege dein Gesicht an meinen Stamm

und trinke die Jahrhundertkraft von mir,

du zitterndes,

du armes Menschenwesen“,

sprach der Baum

und labte mich.

 

 

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Ein schwarzes Loch war meine Tür,

da tratest DU ein und es ward Licht.

Ich löschte das Licht,

doch du warst da.

So wurde ich Geheimnis.

 

Das lockte andere.

Sie suchten stumm.

Sie fanden nicht und gingen weg.

Da war ich Einsamkeit,

war Trauer.

 

Nun warte ich auf Strahlen

eines ersten Frühlingsmorgens

und höre schon

die Amseln vor dem Fenster.

 

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Heimat?

Fragte ich

Und dachte nicht an

Vaterland.

 

Mutterland vielmehr,

bergend,

mit aufmunterndem Lächeln,

mit dem Vertrauen,

das mich in die Welt

entlässt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Geöffnet findest du mich vor,

und du trittst ein.

Du bewohnst mich,

machst dich häuslich.

Die Ruine meiner Liebe

erfüllst du nun mit Leben.

Du schmückst mich aus

mit deinem Streicheln.

Mit deinem Kosen

tränkst du die verdorrten Gärten.

Laut jauchzt die Quelle

meiner Lust,

wenn du dich labst

an mir.

 

 

 

 

Süße Früchte in deinem Garten

locken mich.

Ich beuge mich

und hebe Kostbarkeit um Kostbarkeit.

 

Honigduft in deinem Garten

betäubt mich.

Ich sinke hin

und trinke deine Küsse.

 

Saftiges Grün in deinem Garten

lädt mich ein.

Ich lege mich bereit

und warte auf den Flügelschlag

des großen Vogels.

 

Der Adler,

er besitzt den Garten.

Beute bin ich

und Brut in gleicher Weise.

Bebend harre ich deiner Kraft

und berge mich

in deinen Schwingen. 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mond, du hast mir zugelächelt,

gegrüßt hast du mich

mit deinem kühlen Licht,

hast mir dein Wesen offenbart

und mir gesagt,

es sei nur Schein,

was ich nun leide.

 

Doch ich war schon zu tief gebeugt,

um deinem weißen Licht zu lauschen.

 

Mit müden Schritten ging ich weiter

auf dunklem, staubigem Weg.

 

 

 

 

 

 

Schon bist du mir ganz fremd und fern.

Schon ist es eine andere als ich,

die sich an Augenblicke

deiner Zärtlichkeit erinnert.

 

Schon ist jenes Ich,

das dich in Feuer zu sich sehnte,

so fremd für mich,

wie deine Züge,

deine Augen,

wie dein Gruß.

 

 

 

 

Sie sprachen von dem sanften Gott

und stellten uns vor einen

unbeweglich mächtigen.

Er trug ihr Kleid

aus Stein und aus Metall.

 

Sie sprachen von Geborgenheit

und warfen uns in klebrig enge Netze,

von Spinnen

mit murmelnder Geschäftigkeit gewoben.

 

Wohl dem,

der schon beizeiten Freiheit kannte

auf jener Freudenwiese

in trauter Zweisamkeit mit ihm,

dem Schöpfer.

 

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SCHWARZE GESICHTER

 

Schwarze Gesichter sah ich,

Kleider umhüllten das Nichts.

Ich sah Hände aus dem Leeren greifen

Und ins Leere tasten.

 

„Die hohe Feier“

nanntest du dies schaurige Spiel

Und blicktest mich an

aus dem schwarzen Gesicht

ohne Augen.

 

Auch dein Haar

war schwarzer Schatten,

ebenso die Stimme und die Haut.

„Das ist mein Erbteil“

sagtest du

und sprachst feierlich den Segen,

der mich tötet

nun

vor Sehnsucht

nach Leben.

 

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Gespenster sind nicht zu erwarten

Hier in der lauten Stadt.

Auch der starke Klushund

wagt sich nicht in dieses Getümmel.

 

Ich sitze bürgerlich

im Zimmer.

Frösteln kriecht herein.

Es nimmt von mir Besitz.

 

Ganz fern höre ich

den Klushund heulen.

Willenlos

und doch voll Verlangen

strebt mein Denken

dem mächtigen Rüden entgegen.

 

Es strebt in die kalte Nacht,

dem Heulen zu,

dem Bellen und Scharren.

 

An seinen Rücken geschmiegt

stiebe ich durch die Luft.

 

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Hunde streunen ums Haus.

Sie lauern vor den Fenstern.

Sie lauern draußen

im Kalten, im Schnee.

 

Es heulen die Hunde

in der Vollmondnacht.

Zitternd vor Ungeduld

laufen sie rings um Haus.

 

Gespenstisch hell

ist die Vollmondnacht,

kalt und dunkel ist es im Haus.

 

Ich öffne die Tür

und lasse die Hunde herein.

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich wollte schlafen,

doch meine Augen waren zu müde.

Ich wollte essen,

doch der Hunger war zu groß.

Ich wollte trinken,

der Durst jedoch hielt mich ab.

 

Da wollte ich lieben

und war schon zu klug.

So wollte ich sterben

und auch das

gelingt mir nur

lebend.

 

 

 

 

 

barfußweiche schritte setze ich

auf nackte erde

auf taubenetztes gras

ich schreite über gräber

ich erklimme nebelberge

und lande auf dem wolkengipfel

siegreich

erschöpft

allein

 

die symphonie der stille

ist lohn für meine mühen

ich schließe meine augen

um den blick zu weiten

 

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DIE STILLE

 

Ich liebe meine Stille,

ich liebe diesen ausgefüllten Raum,

der Stille heißt,

der mich beschenkt

und mich erhebt.

 

Der Regen singt mir sein Liebeslied,

sein Lied der Klagen und der Sehnsucht.

Mein Buhle ist der Wind.

Er kost mich,

tanzt vor mir und wirbt um mich.

 

Meine Freundin und Geliebte

Ist die Nebelfrau.

Sie neigt sich voll Anmut

und weiß mich zu umgarnen,

zu gewinnen.

 

Sie alle bevölkern meine Stille

und stören doch nicht ihre Heiligkeit.

„Ewig, ewig bin ich!“ ruft sie

und breitet ihre Arme

mir entgegen.

 

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Ich hab dich lieb gewonnen,

so ganz langsam,

fast unmerklich.

 

Du hast mich ganz ergriffen,

ohne dich zu nähern wissentlich.

 

So sind wir Schritt für Schritt

Einander nah’ gekommen,

wie im Finstern,

ohne Zagen.

 

Und als wir aufeinander trafen,

da war bereits ein jeder

Teil des anderen.

 

 

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Die erste Begegnung:

Vorausahnend erspähten dich

meine Gedanken.

Nachspürend betasteten dich

meine Gefühle.

 

Nun,

ich muss erkennen,

dass wir einander

längst begegnet waren

in jenen Ewigkeiten.

 

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Mit jedem Tag etwas mehr Weisheit,

noch mehr Dankbarkeit –

welch schönes Altern!

 

 

 

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